Assassin’s Creed Syndicate Review

Wertung: 81%

Meine Fehler: Mit der Reihe Assassin’s Creed bin ich das erste Mal im Frühjahr 2015 in Berührung gekommen – also vor einem knappen halben Jahr.
Assassin’s Creed Unity machte mir schnell klar, dass ich sehr viel verpasst hatte. Schon bald kam noch Black Flag hinzu. Das ist in einigen Belangen zwar deutlich in den 90er-Jahren stecken geblieben, aber nicht minder spaßig.

Nun geht es im diesjährigen Ableger von Paris direkt nach London. Bereits bei der Vorstellung des neuesten Ablegers der Reihe wurde hervorgehoben, dass man fortan zwei Assassinen wird steuern können.
Die Hauptfiguren sind die Zwillinge Evie und Jacob Frye. Die zwei sind sehr sympathische Charaktere, sie sind hervorragend vertont und in Szene gesetzt. Selbstverständlich gehören beide den Assassinen an und es liegt in ihrer Natur, die Templer, den natürlichen Feind des Assassinen, bis aufs Blut zu bekämpfen.
Im Jahre 1868 machen sie sich in die blühende Stadt auf, um ihrer Bestimmung zu folgen.
Die Hauptgeschichte dreht sich um den Bösewicht Crawford Starrick.
Starrick, ein Fiesling wie aus dem Bilderbuch, regiert London und dessen Unterwelt mit strenger Hand, vertreten durch zahlreiche Schergen, die ihre Finger in allen dreckigen und halbdreckigen Geschäften Londons haben.
Schurken garniert mit einer Handvoll Templer-Mystik, Assassinen-Legenden – das ist der Stoff, aus dem jeder Teil Assassin’s Creed geformt wird.

Abstergo-Gewäsch
Leider bleiben dem Spieler die Abstergo/Animus-Abstecher in die Gegenwart nicht gänzlich erspart. Dieser Handlungsstrang in einer anderen Zeitebene nimmt im neuesten Teil der Serie gottlob keinen sehr großen Teil ein.
Als Spieler wird man hierbei unvermittelt aus dem Verlauf der Geschichte – im wahrsten Sinne des Wortes – herausgerissen und muss sich mit uninteressanten Wendungen der Story herumplagen, die in unserer heutigen Zeit spielen.
Mich persönlich spricht diese Pseudo-Dramatik in dieser Ebene überhaupt nicht an und ich könnte in Zukunft gut darauf verzichten.
Frischer Wind oder lauer Furz?
Um es kurz zu machen: „Syndicate“ ist der zweite Teil von „Unity“ – mit fast allen positiven und negativen Aspekten.
Der positive Aspekt Nummer 1 ist die Stadt London. Sie ist **das** zentrale Element, der Hingucker, der Hauptdarsteller. Die Größe der Stadt und schiere Detailverliebtheit der Entwickler bei der Gestaltung dieser Metropole sind auch hier Garant für große Augen und offene Münder.

Bildschirmfoto 2015-10-29 um 07.39.21

London vs. Paris: 0:1
Hat man den Vorjahres-Hit „Unity“ gespielt, wir niemand umhin kommen, beide Spiele miteinander zu vergleichen. Dafür waren die Gemeinsamkeiten bereits auf den ersten veröffentlichten Screenshots und Videos zu offensichtlich.
Die offene Spielwelt in London ist sehr belebt. Aber leider nicht so hektisch und manchmal täuschend realistisch wie Paris. Es gibt Plätze und Straßen, die sehr belebt sind. Aber was hier „sehr belebt“ ist, war in Paris überquellend vor Leben und hektischer Betriebsamkeit.
Sorgte Paris für eine einzigartige dichte Atmosphäre in den Nachwehen der Französischen Revolution, schaltet London – 70 Jahre später – einen bis zwei Gänge zurück. Dieses viktorianische London hat allerdings ein schweres Erbe anzutreten.
Mitten in der industriellen Revolution gilt es, eine andere Zeit darzustellen. Die Menschen bewegen sich inzwischen mit Zügen durch die Stadt, die Struktur, der Bauplan Londons sehen wesentlich komplexer aus.
Wo Paris noch dieses „heimelige“ Flair der Renaissance ausstrahlt, bunt und belebt ist (von den Hinrichtungen und dunklen Ecken mal abgesehen), stinkt London an vielen Stellen nach Fabrik, nach Dampfmaschine – durchbrochen durch die Überbleibsel der dreckigen Elendsviertel. London ist schlicht wesentlich komplexer.
Allein die breiten Strassenschluchten und die Themse, die man trockenen Fußes überqueren kann, weil der Verkehr auf dieser Lebensader so dicht ist, zeugen von der Industrialisierung Europas.

Bildschirmfoto 2015-10-29 um 13.26.45

Grafik
Grafisch wird fast überall eine Stufe heruntergeschaltet.
Der Unterschied zum Vorgänger ist nicht immens, aber sichtbar. Die Gesichter der NPCs sind etwas weniger detailreich, die Texturen etwas verwaschener. Zusätzlich fällt auf, dass viele Doppelgänger – auch in kleinen Gruppen – in den Strassen der Stadt unterwegs sind.
Stadt und Atmosphäre sind noch immer erste Sahne, aber eben mit einem kleinen Sicherheitspuffer, der dem Spiel genügend Rechenleistung übrig lässt.

Sound
Es wird erstaunlich wenig Englisch gesprochen in den Strassen Londons. Aber davon abgesehen sind Synchronisation und Musikuntermalung auf allerhöchstem Niveau. Die Sprecher sind perfekt, viele davon noch unverbraucht, aber nicht minder professionell.

Screenshot 2015-10-30 06.58.49

Bäumchen wechsle dich
Zwei Assassinen, zwischen denen man nach Bedarf wechseln kann, die beide unterschiedliche Fähigkeiten und Talentbäume haben. Dies wurde angekündigt und diese Ankündigung war heiße Luft. Punkt.
Evie ist im Gegensatz zu ihrem Bruder eher die leise Schleicherin, während Jacob der Assassine fürs Grobe ist, der es auch mal mit mehreren Gegnern im Faustkampf aufnehmen kann.
Allein: dieser sehr löbliche und spannende Ansatz wird von den Entwicklern sehr schnell zunichte gemacht.
Das freie Wechseln zwischen den Geschwistern ist nur während der freien Erkundung der Stadt erlaubt.
Setzt man seinen Focus bei der Talentepunktevergabe anfänglich noch auf die individuellen Fähigkeiten, wird man sehr schnell feststellen, dass jeder Charakter alle Fähigkeiten erlernen sollte.
So wird man beispielsweise auf eine Mission geschickt, bei der man auf eine verschlossene Truhe stößt. Hat man Evie auf das Knacken solcher Truhen geskillt, wäre es nur logisch, nun in ihren Charakter zu schlüpfen und diese Truhe zu öffnen. Da dies nicht erlaubt ist, muss man auch Jacob diese filigrane Fähigkeit erlernen lassen.
Umgekehrt muss man Evie nicht nur die smarten Talente angedeihen lassen, sondern auch ihre Gesundheit mittels Talentpunktevergabe erhöhen, weil auch sie in brenzlige Situationen kommen wird.

Es ist eine Schande, dass Ubisoft hier eine große Chance verpasst hat, das Spiel um eine spannende Komponente zu bereichern.

Screenshot 2015-10-24 06.48.52

Spielerisch

Ansonsten wird bewährte Kost geboten. Konzentriert man sich auf die Story-Entwicklung, verpasst man knapp die Hälfte der Inhalte. Jäger und Sammler haben knapp 20 Stunden zu tun, wollen sie alle Fundstücke aufspüren und alle Nebenstränge der Geschichte erkunden.

Bildschirmfoto 2015-10-29 um 13.42.33

Schwierigkeitsgrad
Ein großer Minuspunkt bei „Syndicate“ ist der niedrige Schwierigkeitsgrad. Das Spiel ist schlicht zu einfach. Zwar kann man diverse Ausrüstungsgegenstände freischalten oder herstellen. Die sind aber nicht wirklich notwendig. Generell ist das Spiel so einfach, dass man – vielleicht als Herausforderung – auch fast nackt durch die Geschichte rennen könnte.
Es fehlt das letzte Quäntchen Herausforderung, es fehlen die Stellen im Spiel, an denen man sich die Zähne an den Gegnern ausbeißen muss.
Der Adlerblick enthüllt jeden Gegner, jedes Geheimnis – nichts bleibt verborgen. Dieses Instrument ist viel zu mächtig, weil es kaum Momente gibt, die den Spieler noch überraschen könnten.
Eine kleine Neuerung ist der Enterhaken, mit dem man von Dach zu Dach rutschen oder einer brenzligen Situation am Boden entkommen kann.

Sammelwut
Das Sammeln von Geld und Ressourcen wird schnell überflüssig, weil man nichts braucht. Der sehr kleine Umfang an Waffen und anderen Ausrüstungsgegenständen lädt kaum ein, sich oder seine Gang zu verbessern.
Ja, die Gang – wir schwingen uns zum Anführer eine stets wachsenden Londoner Gang auf. Diese kann man mit diversen Boni ausrüsten. Nur braucht man sie nicht, weil das Spiel so leicht ist, dass man gern darauf verzichten kann.

Dumm wie Brot

Apropos Brot: Die Gegner sind dumm wie Brot. Wobei ein gescheites Brot auch noch gescheit schimmeln kann, was den „Bösewichtern“ nicht vergönnt ist. Man kann sie geistig auf einem Bierdeckel tunneln und sie stellen alles dar, aber keine Herausforderung.

Fazit: Assassin’s Creed Syndicate ist ein gutes Spiel und kann den Spieler 20 bis 30 Stunden an die Konsole fesseln. Es muss sich aber Vergleiche mit seinem Vorgänger gefallen lassen. In einem direkten Vergleich mit Assassin’s Creed Unity zieht Assassin’s Creed Syndicate in allen Belangen den Kürzeren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *