Drive Club

Sechs Jahre ohne Videospiele, ohne Konsole. Eine Xbox 360 staubte irgendwo auf dem Dachboden vor sich hin, die ich nicht benutzen wollte, weil sie laut wie ein Kampfjet ist (so war das „damals“ mit den Erstverkaufstags-Xboxen).

Also wurde nach längerem Entscheidungsprozess eine PS4 samt Drive Club bestellt. Da ich Rennspiele liebe, sollte das der Wiedereinstieg in die Videospiel-Welt werden.

Es wurde zum Reinfall.

Das Feeling nach solch langer Abstinenz ist „wau“.

Die ersten Rennen mit eher gemächlichen Mini-Modellen verliefen sehr vielversprechend. Man ist anfangs noch eher unempfänglich für Details. Die Vorfreude gewinnt die Oberhand, im Hinterkopf hämmert das Marketing-Stakkato, das von Sony vor der Veröffentlichung abgefeuert wurde.

Mit einem Jahr Verspätung war das ursprünglich zum Erstverkaufstag versprochene Drive Club nun also erhältlich. Die Entwickler haben dieses eine Jahr genutzt, um die namensgebende Club-Komponente zu verfeinern.

Leider haben sie dabei wohl außer Acht gelassen, dass ein Spiel, das vornehmlich auf Online-Interaktion setzt, auch online spielbar sein sollte. Am ersten Tag brach diese Komponente komplett zusammen. Die Server waren und sind (im Moment) nicht erreichbar. Den hektischen Beteuerungen, man arbeite mit Hochdruck an einer Lösung, folgten Tage der hilflosen Rettungsarbeiten. Irgendwann am Tag drei führte man eine Art Warteschleife ein. Mit viel Glück konnte man online spielen, wenn einer der knappen Serverplätze frei wurde.

Geschenkt! Ein solch peinlicher Einstieg darf und sollte nicht passieren, aber es passiert immer wieder. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Server.

Nun ja, es gibt ja noch immer die Offline-Komponente. Damit wird man sicher die Tage bis zur Lösung der Online-Probleme überbrücken können. Das kann man wirklich, allerdings muss man dabei seine Erwartungen weit herunterschrauben.

Optik und Sound sind ok. Nicht mehr, nicht weniger. Sie treiben mir zwar nicht die Freudentränen in die Augen, aber viel

auszusetzen gibt es hier nicht. Kollisionen klingen zwar immer etwas flau, der Sound in der Cocpit-Ansicht wirkt wie durch Watte gedämmt und die optischen Schäden hat man schon vor zehn Jahren hübscher gesehen.

Aber ein Rennspiel lebt für mich von aufregenden Strecken und einem aufregenden Geschwindigkeitsgefühl. Hier kann man Drive Club nichts vorwerfen. Der Speed ist grandios, die Landschaften malerisch und die Strecken herausfordernd.

Zwar ist das Fahrverhalten eher einfach, aber immer noch fordernd genug, um einem bei der Jagd nach Zehntelsekunden einiges abzufordern.

Zunächst empfand ich mein „Können“ als etwas eingerostet, weil ich die ersten Rennen nur mit einem winzigen Vorsprung gewonnen habe. Kann ja passieren nach sechs Jahren.

Doch schnell merkt man, dass es nicht am eigenen Unvermögen liegt, dass die KI-Kontrahenten einem permanent an der Stoßstange kleben. Dies ist gewollt. Die Entwickler sind der Meinung, dass ein Rennen immer bis zur letzten Millisekunde spannend sein muss. Also haben sie eine KI programmiert, die man nicht abhängen kann. Weder mit guten Worten, noch mit gutem Fahren.

Das kann man mit viel Wohlwollen als eine gute Entscheidung bewerten. Es sei denn, die Kontrahenten fahren wie die letzten Henker. Die Ideallinie gehört ihnen. Immer. Ohne Wenn und Aber. Wagst du es, die Ideallinie zu besetzen, wirst du mit aller Macht von der Strecke geblasen. Wagst du es, ein gutes, faires Rennen fahren zu wollen, wirst du von Platz 1 auf Platz 12 durchgereicht, weil jeder der Gegner der Meinung ist, dir einen Gruß in die Tür drücken zu müssen. Dabei entstehen solch kuriose Situationen, dass deine Gegner im gleichen Auto sitzen, aber einen Top-Speed haben, der mindestens 50 Km/h höher liegt.

Kurz gesagt, die KI ist übertrieben brutal und vollkommen unrealistisch. Bei Rennen von fast vier Minuten Länge liegen alle Autos in einem Zeitfenster von 2,5 Sekunden beieinander.

Es kommt sogar vor, dass man um eine Kurve fährt und bemerkt, dass die Vorausfahrenden gemütlich im zweiten Gang durch die Landschaft gondeln wie ein Bus voller Touristen, die sich die Sehenswürdigkeiten in Rom ansehen.

„Toll, die warten auf mich“ war meine erste Reaktion. Doch kommt man näher, wird man wieder zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt und von allen Seiten traktiert. Das Strafsystem für unfaires Fahren und Schneiden von Kurven wird dabei meistens zu Lasten des Spielers ausgelegt.

Nein, das macht auf Dauer keinen Spaß. Das ist unausgegoren.

Na dann sehe ich mir nach einem Rennen doch mal zur Entspannung die Wiederholung an… Ups, es gibt keine? Ist die anfängliche Begeisterung verflogen, merkt man sehr schnell, dass nicht nur die KI unausgegoren ist. Der „Umfang“ des Spiels steht dem in nichts nach. Keine Wiederholungen, eine (Uno, One) serienmäßige Lackierung pro Auto. Kein Tuning. Nichts.

Ein Fuhrpark, der nur aus deutschen, italienischen und englischen Autos besteht und ein Solo-Modus, der eher an eine ausgedehnte Demoversion erinnert, denn an ein Vollpreisspiel.

Man fragt sich unwillkürlich, was die Entwickler in dem einen Jahr gemacht haben. Der Online-Modus kann es ja nicht gewesen sein.

Apropos online: mir war es kurz möglich, online zu spielen. Es gibt viele vorgefertigte Lobbies, die man einfach betreten kann. Dort liefert man sich Rennen gegen andere menschliche Raser. Dass es dabei eher rustikal zugeht, sollte jedem klar sein. Wer das Pech hat, von Position 1 zu starten, sollte sich in der ersten Kurve gut festhalten.

Schade ist, dass man nicht einfach eine Lobby für sich und seine Freunde aufbauen kann. Auch dafür hat die Zeit wohl nicht gereicht.

Ich persönlich bin sehr enttäuscht. Ich hatte fest damit gerechnet, dass sich Rennspiele in meiner langen Abwesenheit entwickelt hätten. Pustekuchen. Kleiner Fuhrpark, strunzdumme KI, verkorkster Online-Modus, kaum Features – das hatte ich schon damals. Das nannte sich EA 😉

Nun ja, immerhin ist es irgendwie, als hätte ich gar nicht aufgehört…