Xbox-Classics: Grand Theft Auto: San Andreas Review

Die korrupten Cops fangen Carl „CJ“ Johnson bereits am Flughafen von Los Santos ab und hängen ihm einen Mord an, den er, ausnahmsweise, nicht begangen hat. Damit haben sie ihn in der Hand. CJ ist heimgekehrt, um an der Beerdigung seiner Mutter teilzunehmen. Fünf Jahre zuvor hatte er seinem Stadtteil den Rücken gekehrt. Sein Bruder Sweet ist dort geblieben. Er führt in seiner Gang ein strenges Regiment und ist auf CJ nicht gut zu sprechen, weil er ihm die Schuld an dem Tod ihres kleinen Bruders gibt, der in den Bandenkrieg geraten ist, der in Los Santos tobt. Die Beerdigung gerät zum Desaster. Eine gegnerische Gang nutzt diesen Moment der stillen Trauer und versucht, Sweet samt Gang ins Jenseits zu befördern. Dieser Überfall ist der Anlass für CJ in sein altes Leben als Gangmitglied zurückzukehren und alle guten Vorsätze, ein halbwegs anständiges Leben zu führen, über Bord zu werfen.

Dies ist der Auftakt zum neuesten GTA-Spektakel und bildet nur die Spitze von unzähligen Abenteuern, Aufgaben und Freiheiten, die man in diesem Spiel erleben wird. Die Entwickler haben es im neuesten Teil nicht dabei belassen, eine einzelne Stadt als Spielwelt zu erschaffen. Sie haben es geschafft, drei Städte in einen Bundesstaat zu packen. Inklusive einem riesigen Straßennetz, das diese Bereiche miteinander verbindet. Anfangs kann man nur ahnen, welch riesige Spielwelt einen erwarten wird.


Eine Welt voller Ideen

Grafik

GTA war schon immer ein trauriges Beispiel für schlechte Grafik. Im Jahre 2005 mit solch schlichten Texturen, solch eckigen Charaktermodellen und stellenweise stark aufpoppenden Objekten ein Spiel auf den Markt zu bringen, würde jedem anderen Entwickler finanziell den Todesstoß versetzen. Doch die Entwickler von Rockstar hatten in dieser Hinsicht schon immer einen Bonus von Seiten der Spieler. Das ist auch bitter nötig, denn oft wundert man sich, wie simpel viele Texturen aussehen. Die Hände der Spielfiguren beispielsweise sind unförmige Klumpen, die kaum Ähnlichkeit mit ihren anatomischen Vorbildern haben und fliegt man mit einem Flugzeug über die Spielwelt, dann tauchen viele Objekte unvermutet aus dem Nebel auf. Sehr schade ist, dass die Vorteile der Xbox gegenüber der Playstation 2 praktisch gar nicht genutzt werden und dass das Spiel, was die technische Seite angeht, nur eine simple Portierung ist. Die Texturen sind minimal schärfer, das Kantenflimmern ist ebenfalls reduziert. Und dennoch, einen Unterschied sieht man nur im direkten Vergleich.

Dies ist jedoch nur ein Aspekt der Präsentation. Im Gegenzug zu diesem Minimalismus bekommt man, als Entschädigung sozusagen, eine schier endlos anmutende Welt, die man ohne Ladezeiten zu Lande , zu Wasser oder in der Luft bereisen kann. Mit Smok verseuchte Industriegebiete wechseln sich ab mit ländlicher Idylle und einer an Las Vegas erinnernden Stadt. Kein Quadratmeter dieser Welt ähnelt dem anderen. Alles wirkt jederzeit authentisch und ist gefüllt mit Leben. Dichter Verkehr in den Großstädten, ein riesiges Autobahnnetz, Industrieanlagen, Häfen, Stadien und alles, was man in einer Stadt oder einem Staat erwartet, findet man auch in San Andreas. Selbstverständlich darf man auch hier wieder nach Belieben alle verfügbaren Fahrzeuge von ihren Besitzern entwenden. Ob Fahrräder, Trucks, Golfwagen, Flugzeuge, Hubschrauber, Schnellboote, Panzer oder Polizeifahrzeuge. Letztere werden von den einheimischen Polizeibehörden allerdings nicht gern an Gangster verliehen, weshalb das besteigen eines Polizeifahrzeuges einen Großalarm auslöst und dafür sorgt, dass die Cops sich wie wild auf einen stürzen. Die Tatsache, dass man zivile Flughäfen zum Bereisen dieser Welt benutzen kann, macht deutlich, wie groß diese Welt ist. Statt mit dem Auto endlos über die Autobahnen zu düsen, geht man in einen Flughafen und bucht dort einen Flug. Diesen Flug erlebt man in Echtzeit inklusive Start und Landung.

Gangsteralltag

Das Herz des Spiels bilden die über 100 Missionen, die der Protagonist erfüllen muss, um die Story voranzutreiben. Fast alles dreht sich dabei um krumme Geschäfte, Waffen, Drogen und leichte Mädchen. Anfangs scheint es, als wäre die Geschichte im Ghettoalltag angesiedelt. Doch dies ist nur ein Bestandteil. Wer mit all dem Hip Hop, den zu großen Hosen und der Homie-Mentalität nichts anfangen kann, darf aufatmen. Nur der erste Teil des Spiels ähnelt in seiner Ausprägung Filmen wie „Boyz n the Hood“ oder „Colors“. Obwohl ein ausgewachsener Homie sich bewegt wie ein hüftkranker Pavian, gebührt hier den Entwicklern der vollste Respekt, denn alle Bewegungen wurden per Motion Capturing eingefangen und wirken flüssig und authentisch. Im späteren Verlauf geht es raus aufs Land, wo eine vollkommen andere Atmosphäre herrscht. Dort tragen die Cops Cowboyhüte, sie fahren Geländewagen und die Bewohner erinnern einen nicht selten an Hinterwäldler, die in ihren Autos meistens den Country-Sender mit schnulzigen Balladen eingeschaltet haben. In San Fiero und Las Venturas bekommt man es dann mit den Chinesen, den Russen, dem Geheimdienst und allerlei anderen dubiosen Gestalten zu tun.

Dass man dabei auf ein gut sortiertes Repertoire an Waffen zurückgreifen kann, versteht sich von selbst. Ob mit der abgesägten Schrotflinte, den bloßen Händen, einem Messer oder einem Panzer, es gibt kaum eine Tötungsart, die man nicht ausüben könnte. Dass man Passanten und Gegner einfach mit dem Auto platt machen kann, ist schon lange Bestandteil des Serie. Das Einbetonieren eines Gegners samt mobilem Klo in einer Baugrube ist hingegen neu.

Die Missionen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Aufgabenstellung, sondern auch deutlich in ihrem Schwierigkeitsgrad. Mal muss man nur zu einem bestimmten Ort fahren, dort jemanden ausschalten und wieder zurückkehren. Mal muss man mitten in einer ausgewachsenen Schießerei auf jemanden Acht geben und ihn um jeden Preis beschützen, dann wieder in einer wilden Verfolgungsjagd der Polizei entkommen oder selbst jemanden jagen. Es gibt jedoch auch Missionen, die einen zur Verzweiflung treiben können. Wenn man mit ferngesteuerten Flugzeugen auf Gegner Jagd macht und dabei nicht nur gegen das verteufelt schwere Flugverhalten, sondern auch gegen den Treibstoffverbrauch und den Verkehr auf den Straßen und die Gegner ankämpfen muss, dann kommt man ins Schwitzen und verflucht das Spiel, wenn man es mal wieder nicht geschafft hat.

Kommt man mit einer Mission mal nicht weiter, dann kann man sich zur Abwechslung an einer anderen versuchen. Die Wahl der Missionen bleibt einem meist selbst überlassen.

Die Story bietet ein weites Spektrum des Gangsteralltags und sie ist gespickt mit überraschenden Wendungen und kuriosen Zwischensequenzen. Aus dem kleinen Gangster CJ wird nicht ein großer Gangsterboss. Er muss sich vielmehr stets gegen größere Gangster behaupten, Freunden aus der Patsche helfen und auf seine Schwester aufpassen. Insgesamt ist die Geschichte sehr gut gelungen, auch wenn einige der Wendungen teils arg aufgesetzt wirken, um bestimmte Missionen einzuleiten.

Skills

Wer keine Missionen spielen möchte, kann frei die Welt erkunden, jedenfalls die Teile, die bereits freigeschaltet sind, und sich um die Verbesserung seiner Fähigkeiten kümmern. Nahezu alles, was einem nützlich sein kann, darf man verbessern. Die Ausdauer beim Laufen oder Schwimmen. Den Umgang mit Waffen und Fahrzeugen, den Respekt, den andere Bandenmitglieder einem entgegenbringen. Auch den Sexappeal, der auf weibliche Bewohner wirkt und der nützlich ist, wenn man sich eine Freundin „zulegen“ möchte. Steigt beispielsweise der Respekt bei der Gang, kann man mehrere seiner Kumpane auffordern einem zu folgen. Mit dieser tatkräftigen Unterstützung ist es wesentlich leichter, ein benachbartes Gebiet zu erobern.

Die Erkundung von San Andreas offenbart ein weiteres Highlight dieses Spiels. Die unzähligen Aufgaben, die nichts mit dem eigentlichen Spielverlauf zu tun haben und die meist nur „einfach so“ da sind, um sich die Zeit zu vertreiben. Ob man nun einen Krankenwagen stiehlt und damit verletzte Personen ins Krankenhaus befördert, ob man an Rennevents teilnimmt, um Preise einzusacken und sein fahrerisches Können zu verbessern, das Auffinden und Lösen dieser Aufgaben dauert fast so lange wie das eigentliche Spiel. Allein das Aufsprühen von einhundert Symbolen an diverse Häuser und Brücken dauert viele Stunden. Auch das Kaufen von Immobilien, die als Speicherpunkte dienen und teilweise auch monatlich Geld abwerfen kann sich lohnen, denn Geld benötigt man mehr als alles andere in San Andreas. Überfälle auf Drogenkuriere gehören ebenso zum Alltag wie das Verprügeln von harmlosen Passanten, um an ihr Geld zu kommen. Die verschiedenen Aufgaben sind so zahlreich, dass man sie oft nur durch Zufall findet.

Sound

Es fehlt nicht viel und man könnte die Sounduntermalung von Grand Theft Auto: San Andreas als Referenz betrachten. Eine jederzeit perfekte und glaubwürdige Synchronisierung und zehn Radiosender mit den verschiedensten Musikstilen vermitteln eine superbe Atmosphäre. Als Synchronsprecher für die zahlreichen Zwischensequenzen wurden unter anderem Filmstars wie James Woods, Peter Fonda und Samuel L. Jackson verpflichtet, die sich mächtig ins Zeug legen und ihren Figuren Leben einhauchen. Es war eine gute Entscheidung, die Sprachausgabe nicht ins Deutsche zu übersetzen, sondern alles im Original zu belassen und mit deutschen Untertiteln zu unterlegen. Den Ghetto-Slang kann man ohnehin nicht übersetzen, ohne dass es peinlich wirken würde. Wer keinen eigenen Soundtrack im Spiel benutzt, kann sich den Country-Sender zu Gemüte führen, Hip Hop Beats oder Call-In-Shows im Radio lauschen, die den Eindruck vermitteln, als würde man einem wirklichen Radioprogramm lauschen. Insgesamt ist die Auswahl an Musikstilen sehr ausgewogen und fast jeder Spieler wird seinen Lieblingssender finden. Etwas weniger gefallen manche der Waffensounds, die ein wenig schwach klingen.

Blut und Gewalt

Man sollte sich nichts vormachen. Grand Theft Auto: San Andreas ist eines der Spiele, die die Welt der Videospiele in Verruf gebracht haben. Es ist kein Wunder, dass dieses Spiel in einigen Ländern auf dem Index gelandet ist. Das Spiel ist in weiten Teilen extrem Brutal. Fast alles dreht sich um das Töten und Stehlen. Auch die Story ist nicht gerade geeignet, moralische Werte zu transportieren. CJ wird nicht von einem Gangster zum einem Engel, wenn das Spiel vorbei ist. Er ist ein mieser, kleiner Gangster, der von den Großen meistens herumgeschubst wird. Um sich Geltung und Geld zu verschaffen, tötet er einfach alles, was ihm vor die Flinte kommt. Er hat zwar eine große Klappe und beherrscht die gesamte Palette an unflätigen Ausdrücken, aber letztendlich zieht er immer den Kürzeren und muss tun, was ihm die Anderen auftragen. Ob die Polizei, die ihn für ihre eigenen Zwecke einspannt oder diverse Mafiagruppierungen, alle kommandieren ihn herum und er folgt. Wie ein Hündchen. Dieses Spiel gehört auf keinen Fall in Kinderhände. Im Grunde genommen gehört es auch nicht in die Hände von Jugendlichen, die daheim bei Mutti Gangster-Posen vor dem Spiegel üben und Gangster-Reime auswendig lernen, um sich als wahrer Rapper zu fühlen. Grand Theft Auto: San Andreas ist ein reines Erwachsenen-Spiel. Vollkommen unverständlich ist dabei, dass das Spiel bereits ab 16 Jahren freigegeben ist. Die kleinen Entschärfungen, die es in der deutschen Version gibt, sind kaum der Rede wert.

Fazit

Müsste man das Spiel in 99 Worten beschreiben, dann könnte man das folgendermaßen tun:

Grand Theft Auto: San Andreas ist eines der Spiele, die man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. 30 bis 50 Stunden Spielzeit, eine grandiose Handlungsfreiheit in einer riesigen Spielwelt, gepaart mit grandioser Musik und einer packenden Story machen es zu einem der besten Spiele aller Zeiten. Andere Vertreter dieses Genres, die sich augenblicklich in der Entwicklung befinden, werden sich immer daran messen lassen müssen. Grand Theft Auto: San Andreas kann nur von einem Spiel Konkurrenz bekommen: von seinem Nachfolger. Für alle, die alt genug sind und sich nicht an der brutalen Thematik stören, ist dieses Spiel ein absoluter Pflichtkauf.

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