Xbox-Classics: Halo 2 Review

Hier steh´ ich also. Auf einem Hügel. In der Hand halte ich eine Alien-Wumme, die aussieht wie ein Föhn im Colani-Design. Und wenn ich an mir heruntersehe, kann ich meine Füße erkennen. Wahnsinn. Dass ich die Plattfüße des Master Chief sehen kann, soll eine der bahnbrechenden Neuerungen sein, die seit Monaten im Internet diskutiert werden. Das also ist Halo 2.
Ein Spiel, das uns seit Jahren durch die geballte Marketing-Maschinerie von Microsoft um die Ohren gehauen wird. Wohl kaum ein anderes Spiel wurde derart hochstilisiert wie Halo 2. Der Hype nimmt teils skurrile, teils lächerliche Züge an.
Renommierte Zeitschriften, die eigentlich jedes Spiel vorab testen, dürfen plötzlich nur unter Bewachung eines Microsoft-Aufpassers spielen, sie dürfen auch keine Screenshots anfertigen und erst recht keine Wertung vor dem offiziellen Release abgeben.
Ein Wort zur Story des Einzelspieler-Modus ist ebenso verpönt wie das Anfertigen von eigenen Videos. Fans des Spiels nehmen sich Urlaub, zelebrieren Partys, und packen das Spiel in einer religiös anmutenden Zeremonie aus. In Foren werden User, die sich kritisch äußern, gnadenlos niedergemacht.
Was bei Spielen wie Driver 3 und Enter the Matrix auf heftige Kritik seitens der Spieler gestoßen ist, wird bei Halo 2 als Tatsache hingenommen. Nämlich das Puschen des Spiel vorab, ohne dass jemand auch nur einen Blick darauf geworfen hat. Nun denn, legen wir los und sehen, ob es wirklich so gut geworden ist wie uns Microsoft weismachen will.

Story

Bis vor wenigen Wochen war über die Story nichts bekannt. Aber auch rein gar nichts. Das große Geheimnis liegt wohl darin, dass der Spieler im Verlauf des Spiels nicht nur in die Rolle des Master Chief schlüpft, sondern auch einen Alien steuern darf. Somit teilt sich das Spiel abwechselnd in zwei Handlungsstränge, die zwei unterschiedliche Aspekte der Geschichte beleuchten. Auf der einen Seite steht der strahlende Held Master Chief, auf der anderen Seite der arme Tropf von einem Alien, der mitten in einen Glaubenskrieg der Außerirdischen gerät und nach seinen verlorenen Kämpfen gegen die Menschen in Halo 1 nicht nur seine Ehre retten muss, sondern auch seine Haut. Eines muss man Microsoft und Bungie lassen – ob man die Story nun mag oder nicht – sie ist sehr komplex und vielschichtig. Es geht um religiösen Fanatismus, Machtkämpfe zwischen den Aliens und nebenbei um die Zerstörung der Menschheit. Wäre es anders, könnte man auch nicht so herrlich herumballern.

Das Spiel

Die Guten

Der Anfang des Spiels ist bereits aus dem ersten Teil bekannt. Man findet sich auf einem Raumschiff wieder, muss seinen Helm kalibrieren, indem man auf diverse Lichter blickt und kurz drauf wird man ins Getümmel geworfen. Die Aliens wollen doch schon wieder das Schiff stürmen. Also werden wir der verdammten Brut ordentlich einheizen. Sie sprengen kurze Zeit später die Tür und verteilen sich sofort im Raum, um Deckung zu suchen und die Gegner unter Feuer zu nehmen. Da hilft nur geballte Feuerkraft. Ein Glück, dass man zwei Waffen gleichzeitig benutzen kann. Das erhöht die Schlagkraft enorm, zumal die Gegner sehr aggressiv und auch klug vorgehen. Intelligentes und taktischen Vorgehen beherrschen sowohl die menschlichen als auch die außerirdischen Kameraden und Gegner.

Das Führen von zwei Waffen ist übrigens eines der vielen Details, die so ausgiebig in Internet-Foren diskutiert werden. Es interessiert niemanden wirklich. Ebenso, dass nun die Energieanzeige an eine andere Stelle versetzt worden ist oder dass die Nachladezeit 2 Sekunden länger ist. Aber so sind sie nun mal, die Verehrer von Halo. So detailverliebt und gewissenhaft.

Nachdem wir die Aliens aus unserem Raumschiff vertrieben haben, geht es in einer dramatischen Sequenz hinaus in den Weltraum. Master Chief krallt sich an einer deponierten Bombe fest und liefert sie postwendend beim Überbringer ab.

Im zweiten Level wechselt das Szenario dramatisch. Waren wir eben noch in den düsteren Gängen der Raumstation unterwegs, geht es nun in das sonnendurchflutete, aber leider auch stark zerstörte New Mombasa. Wir kämpfen in den Straßen und Häusern der umkämpften Stadt. Zunächst gegen die relativ leicht zu besiegenden Standard-Aliens, später gegen fliegende Insekten-Wesen und schließlich gegen sehr große und schwer gepanzerte Gegner. Während dieser Kämpfe ist es möglich, nicht nur die eigenen Waffen zu gebrauchen, sondern auch fest installierte, schwere Kanonen. Geht die Munition zur Neige, schnappt man sich kurzerhand die Waffe eines Kameraden oder eines getöteten Aliens. In New Mombasa folgt ein Abschnitt, der uns zwingt, einen schweren Panzer zu benutzen. Unsere Kameraden sitzen auf dem Panzer und feuern aus allen Rohren. Wir nehmen Platz an der Kanone und pusten alles aus dem Weg, was uns in die Quere kommt. Diese Mission fällt leider gegenüber den anderen etwas ab. Das herumfahren mit dem Panzer macht zwar Spaß, herausfordernd ist es aber nicht. Gegen das schwere Geschütz unseres Panzers haben die Feinde kaum eine Chance.

Dafür wird man kurz darauf mit dem Einsatz von anderen Fahrzeugen entschädigt. Entweder man benutzt den schwer zu steuernden Warthog der Menschen oder man schnappt sich einen der kleinen, wendigen Gleiter der Aliens. Sollte ein solches Gefährt bereits besetzt sein, kann man dessen Fahrer auch unsanft nach draußen befördern. Man nähert sich dem Gefährt, drückt auf einen Knopf und schon ist man Herr des Cockpits. Aber Vorsicht, diesen Platz kann man ebenso schnell wieder verlieren.

Die Missionen führen uns an recht abwechslungsreiche Orte. Man findet sich inmitten von prähistorisch anmutenden Ruinen, auf einer riesigen Roboter-Spinne, auf großen, gleitenden Plattformen über dem Meer und sogar unter Wasser. Hier hat Bungie gute Arbeit geleistet.

Die weniger Guten

Eine spannende Neuerung an Halo 2 ist mit Sicherheit die Möglichkeit, diverse Missionen aus der Sicht eines Aliens zu spielen. Spielt man als Master Chief meist in recht gut beleuchteten Umgebungen, wird es auf der Gegenseite sehr düster. Man führt oft einen kleinen Trupp von Aliens an und dringt in feindliche Festungen ein, die von Gegnern kontrolliert werden, die der eigenen Rasse angehören. Sehr praktisch ist die Tarneinrichtung über die man kurzzeitig verfügt. Ganz im Stil der Predator-Filme schaltet man eine Tarnung hinzu, durch die man fast vollkommen unsichtbar wird. Nur eine leichter Schimmer verrät einen noch. Schade ist, dass unsere Kameraden diese Tarnung für sehr lange Zeit benutzen können, wir hingegen nur wenige Sekunden. Diese Missionen führen den Spieler an teilweise sehr beklemmende Orte. Eklige Labors und enge und dunkle Gänge wechseln sich ab mit bizarren Gebäuden und Maschinen und grandiosen Luftkämpfen. Hinzu kommen phänomenal gigantische Konstruktionen, die als Kulisse unserer Abenteuer dienen.

Der Nachgeschmack

Bei aller Abwechslung im Leveldesign bleibt trotzdem ein etwas schaler Nachgeschmack. Die meisten Level wirken irgendwie steril. Man hat das Gefühl, dieser und jener Abschnitt ist nicht Teil einer komplexen Welt, sondern dient nur als Szenario eines Kampfes und wurde nur aus diesem Grunde erschaffen. Man fährt auf einer Plattform über das Meer und nähert sich einem Gebäude. Und man weiß ganz genau, dass in jener und jener Ecke die Gegner auftauchen werden. So verhält es sich mit nahezu jedem Abschnitt. Ein Labor der Aliens sieht man zunächst nur von oben durch eine Scheibe. Und natürlich werden dort unten massig Aliens warten und deshalb wird man sich durch dieses Labor kämpfen müssen, um den Level zu beenden. Es gibt keine Überraschungen. Spätestens nach einer Stunde stellt man fest, dass das Spiel kaum Innovationen bietet. Sicher, der Einsatz von diversen Fahrzeugen, die in in viele Einzelteile gesprengt und geschossen werden können, ist ein nettes Spielelement, aber nichts Neues. Der Umgang mit Waffen und Feinden in den Alien-Missionen unterscheidet sich, verglichen mit den menschlichen Spielabschnitten, nur durch das Design der Gerätschaften. Beide Rassen verfügen über ähnliche Arsenale. Ein Sniper-Gewehr, diverse Handfeuerwaffen und leichte Maschinengewehre. Abwechslung bieten hier nur die Tarnung der Aliens und das sehr mächtige Plasma-Schwert, das im Nahkampf verheerende Schäden anrichtet.

Die Story, die in zahlreichen Zwischensequenzen erzählt wird, basiert auf einem ausgefeilten Drehbuch. Die Umsetzung dieser Story im Spiel erfordert aber letztendlich nur eine einzige Vorgehensweise: Ballern bis alles tot ist. Fehlt Dir Munition, dann nimm eine andere Waffe auf und schieß weiter. Hier fehlt jegliche Innovation. Niemand wird sein Gehirn in Gang setzen müssen, um das Ende des Spiels zu sehen. Gutes Zielen zählt alles, Hirnschmalz nichts. Einige wenige Schalter müssen umgelegt werden, um Türen zu öffnen oder Mechanismen in Gang zu setzen. Ein Spiel, das die Welt erschüttern will und dessen Story wie ein Staatsgeheimnis gehütet wurde, sollte vielleicht etwas mehr bieten als das. Die lineare Vorgehensweise unterstreicht diesen Eindruck. Zwar gibt es einige Stellen, an denen man den Gegnern in den Rücken fallen kann, diese sind jedoch nur sporadisch vorhanden und sie ermöglichen auch nur einen kleinen Ausbruch aus der Linearität. Alle Wege sind vorgegeben und einzuhalten, will man zum nächsten Level kommen. Einzig beim Töten kann man sich entscheiden, welche Waffen man einsetzen will.

Grafik

Zunächst einmal sollte man festhalten, dass alle vorab veröffentlichten Bilder nicht der Realität entsprechen. Blättert man beispielsweise ein Magazin wie die GamePro durch, dann stößt man auf atemberaubende, hochaufgelöste Bilder. Die Redaktion wurde gezwungen, die offiziellen Bilder zu benutzen und durfte keine eigenen Screenshots anfertigen. Das Problem ist, dass dieses Promo-Material zu schön ist, um wahr zu sein. Die Texturen sind perfekt, die Auflösung gigantisch. Alles Humbug.

Dennoch: Die Grafik ist eindeutig eine der starken Seiten von Halo 2. Beim Spielen stellt sich unweigerlich ein großes Staunen ein. An Halo 2 werden sich künftige Spiele messen müssen. In den Außenarealen fällt die phänomenale Weitsicht auf. Steht man auf einer Anhöhe, dann kann man über das Meer bis zum Horizont blicken. Der Himmel ist zwar gemalt, aber das mindert den Eindruck nicht im Geringsten.

Die Auffälligste Komponente an der Grafik in Halo 2 sind die zahllosen Lichteffekte. Überall blitzt und lodert es. Die Mündungsfeuer der Alien-Waffen und Fahrzeuge sind ein echter Hingucker. Blau oder rot strahlende Effekte erhellen dunkle Gänge, grell leuchtende Schüsse von Drohnen oder strahlende Rüstungen lassen den Unterkiefer des Spielers manchmal nach unten klappen.

Bei den Texturen gibt es hin und wieder Aussetzer. Objekte und Personen werden erst detailliert dargestellt, wenn man sich ihnen nähert. In einigen Abschnitten werden grandiose Oberflächen durch triste und einfallslose Texturen durchbrochen. Das sieht zwar nicht sehr schön aus, doch es stört den Gesamteindruck auch nicht weiter.

Die Flugeinlagen, die man in einigen Leveln absolvieren muss, sind ein weiterer Beweis für die grandiose Arbeit, die hier abgeliefert wird. Nichts ruckelt, selbst, wenn man zwischen gigantischen Gebäuden umherfliegt und die Gegner aus allen Rohren feuern.

Sound

Sound und Musik bewegen sich ebenfalls auf allerhöchstem Niveau. Dolby Digital wird bis zum Letzten ausgereizt. Aus allen Lautsprechern erschallen Effekte, Stimmen und Musik. Gegner sind stets klar zu orten. Ob hinten links, hinten rechts oder vorne links, immer weiß man, woher die Gefahr droht. Dadurch und durch die brillanten Effekte wird teilweise eine absolut beängstigende Atmosphäre heraufbeschworen, die man getrost als Referenz ansehen kann. Die Musik ist größtenteils passend und stimmig. Ob rockiger Soundtrack oder harmonische Filmmusik, fast immer wird der richtige Ton getroffen. Nur vereinzelt, sehr selten, hört man Musikstücke, die etwas zu „billig“ klingen. Stimmen und Synchronsprecher erreichen nicht die Klasse der übrigen Sounds, da einige der Sprecher ihre Texte lustlos und auch unpassend vortragen. Dieses Manko wird aber durch die übrige Soundkulisse wieder wett gemacht.

Design

Das Design des Spiels dürfte nicht bei jedem Spieler auf Begeisterung stoßen. Sind die Waffen und Fahrzeuge der Menschen noch sehr technisch und kühl, wandelt sich das Bild auf der Gegenseite ins Gegenteil. Die Waffen der Aliens sind teilweise einfach absurd hässlich. Eine gewölbte Pistole, die mit diversen leuchtenden Glassplittern gespickt ist, wirkt irgendwie fehl am Platz. Natürlich, alles bei den Aliens ist organisch und fließend, aber man hat immer wieder das Gefühl, auf dem Christopher Street Day zu sein, mit all den fröhlich-tuntigen Waffen. Besonders deutlich wird das, wenn ein Marine eines dieser Dinger in der Hand hält, weil ihm die Munition für die eigene Waffe ausgegangen ist. Wenn man diesen Marine ansieht, möchte man ihn nur noch bedauern. Lieber mit der bloßen Faust kämpfen als mit diesem Alien-Dildo. Aber das war schon immer der Stil von Bungie. Schon bei den Frühwerken der Entwickler, den Spielen der Marathon-Reihe, konnte man ähnliche Designs beobachten.

Der Bizarre Eindruck wird von den Gegnern teilweise unterstützt. Es gibt Aliens, die wie richtig gefährliche Monster aussehen und jedem Hollywoodfilm zur Ehre gereichen würden. Es gibt aber auch diese kleinen Mainzelmännchen, die wie Enten watscheln, riesige, alberne Hüte tragen und hysterisch quieken. Man weiß bei denen nicht einmal wo vorne und hinten ist. Hat man sie erst erschossen, kann man das nicht mehr herausfinden, weil sie nur noch aus einem Haufen blau leuchtenden Breis bestehen.

Multiplayer

Beim Thema Multiplayer haben sich die Entwickler nicht lumpen lassen und haben ein reichhaltiges Angebot an Spielmodi ins Spiel integriert, das über jeden Zweifel erhaben ist. Ob Offline mit bis zu vier Spielern, im lokalen Netzwerk oder per Xbox Live, der Spieler hat die Qual der Wahl. King of the Hill, Deathmatch, Team Deathmatch oder Capture the Flag. Diese und zahlreiche andere Spielmodi sind vorhanden und werden durch unzählige Varianten vervielfältigt. Leider fehlt ein Coop-Modus über Xbox Live, der nur offline per Splitscreen spielbar ist. Ergänzt wird das Gemetzel von zahlreichen Statistiken und Optionen, das Spiel nach eigenem Gutdünken zu gestalten. Obwohl die Multiplayer Spiele bei Halo 2 sehr hektisch sind und oft auch nur in wildem Herumgehopse ausarten, dürften die Vielzahl für viel Abwechslung sorgen.

Wie sich diese Spielkomponente bewährt, wird man in den nächsten Tagen und Wochen sehen. Ein ausführlicher Testbericht dieses Bereichs folgt in Kürze.

Fazit

Ob das Spiel nun der beste Shooter aller Zeiten ist, darf man getrost bezweifeln. Eingefleischte Halo-Fans werden das so sehen. In fast schon religiösem Fanatismus werfen sie sich in die Schlacht und kaufen das Spiel blind. Dagegen kann man nichts einwenden. Wenn man es möglichst objektiv betrachtet, dann ist Halo 2 ein sehr guter Shooter mit überragender Technik. Die Messlatte für die Konkurrenz wurde durch Bungie sehr hoch nach oben verschoben. Der Multiplayer-Part ist ungemein umfangreich und eindeutig die starke Seite von Halo 2.

Der Einzelspieler-Modus hingegen kann das hohe Niveau der Versprechungen nicht halten. Trotz diverser Neuerungen im Leveldesign und einer komplexen Hintergrundgeschichte läuft das Geschehen auf stumpfes Ballern hinaus. Die Gehirnzellen werden nicht gefordert, sondern nur der Abzugsfinger. Der letztendliche Spielablauf kann mit der Story nicht mithalten, denn was sie an Komplexität vorgibt, wird nicht im Geringsten umgesetzt. Man schießt sich von Abschnitt zu Abschnitt, von Gegner zu Gegner. Der Einsatz von Fahrzeugen schafft eine gewisse Abwechslung, die durch die geringe Vielfalt an verschiedenen Gegnern jedoch wieder zunichte gemacht wird. Ob die teils kitschig-bunten und unförmigen Waffen und die etwas einfallslosen Settings den Spielspaß mindern, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich denke, nein, denn dafür wird man auf der anderen Seite mit atemberaubenden Levelabschnitten entschädigt, die eine einzigartige Atmosphäre vermitteln.

Fazit vom Fazit

Halo 2 ist auch nur ein SpielŠ

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